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Sebastian Rothe | September 2007 | Die Meinungsmacher
Kommentare (10) | RSS zum Artikel | Trackback zum Artikel
Erdgeschoss ist nicht jedermanns Sache. Etwas dunkel manchmal und ein wenig fusskalt im Winter. Trotzdem sollte es diese Wohnung sein! Unbedingt, denn sie hat eine Terrasse, fast sechs Quatratmeter groß! Ich war begeistert. Was sich auf einer Terrasse nicht alles anstellen ließ. Riesige Tomatenpflanzen fielen mir ein, Blumen und Kräuterkübel. Oder doch Bananenstauden und Palmen mit Hängematte? Egal, ich durfte mich ausleben und konnte gespannt sein. Also habe ich die Wohnung gemietet und freudig bezogen. Als ich schließlich, die Umzugskisten waren zu kleinen posierlichen Türmchen hinter mir gestapelt, die frische Hinterhofluft einsaugend auf meine (!) Terrasse trat, war ich dann doch ein wenig überrascht. Denn ich war nicht allein. In der Mitte der Terrasse stand (und steht noch immer) ein Körbchen. Darin eine Decke und ín der Decke ein schwarzer dicker Kater. Der stand bei der Mietbesichtigung noch nicht hier. Erstaunt schaute ich in den Korb. Erstaunt schaute der Kater zurück. Da waren wir nun beide und mussten uns erst daran gewöhnen.
Ich habe nichts gegen Katzen, im Gegenteil, ich bin mit ihnen aufgewachsen. Soll der Kater da weiter schlafen in seinem Körbchen auf meiner Terrasse. Soll er doch. Ich bin gut in Katzen ignorieren. Katzen sind auch gut darin, mich zu ignorieren. Ist beides super. Ein gegenseitiges Einverständnis der jeweiligen privaten Existenz zwischen Mensch und Katze, Mann und Kater – ein unausgesprochener, unmiauter zwischenmännlicher Respekt! Dachte ich. Bis es eines morgens an der Außenseite meiner Terrassentür zu heulen und zu kratzen anfing. Ich kann das ab. Meine Freundin konnte es nicht. Und in null komma nix saß der Kater beim Frühstück unter dem Tisch und zählte mir die Bissen im Mund, wetzte sich die Krallen an meinem zugegebenermaßen bereits abgewetzten Sessel, stiefelte über die Spüle zum Herd. Ich habe ihn dann wieder hinausgeschmissen. Seither ist die Terrasse ein Ort des Kampfes zwischen Tier und Mensch. Der eine das Verlangen nach draußen, der andere das Verlangen nach drinnen. Ein ewiges Vorstossen und Zurückweichen. Anstrengend ist das. Natürlich könnte ich mich damit zufrieden geben, einfach den Kampf verloren zu haben, den Gutmütigen, von der Natur Überrumpelten zu spielen, aber ich habe da meine Prinzipien. Und eines davon lautet: Keine Tiere in abschließbaren Räumen! Da kommt man als Neu-Leipziger natürlich erst mal nicht so gut an, denn wann immer ich mir von den Eingeborenen Freizeittips geben lasse, ist neben dem Cospudener See und der Innenstadt auch der Leipziger Zoo dabei. Ja, die Leipziger sind stolz auf ihren Zoo. Ich solle da mal hingehen, heißt es, da wäre es soooo schön! Ich kann mir aber wirklich nicht helfen, für mich sind eingesperrte Tiere traurige Kreaturen. Ja, auch Eisbärweltstar Kuschelknut ist eine arme Sau und wird bald in seinem Gehege mit Verhaltensschäden im Kreis laufen. Wie ein Hamster im Rad. Früher bin ich auch in den Zoo gegangen. Als kleiner Junge fand ich es auch toll. Aber mit der Zeit ist so ein Beigeschmack auf der Zunge entstanden. Etwas, das schmeckt, wie es da riecht: Beschiss! Die scheinbare Gefahr, die von den großen Raubkatzen ausging, die Trolligkeit der Pinguine, die Behäbigkeit der Elefanten und die Verspieltheit der Affen – alles nur ein Schauspiel für die Besucher. Egal was sich „Zooarchitekten“ noch alles einfallen lassen, Zoos sind keine Lebenswelt für Tiere. Und als ob es nicht schon bezeichnend genug ist, dass wir, die Menschheit, sie anderswo ausrotten oder zumindest mit der Ausrottung bedrohen, sperren wir sie auch noch unter fragwürdigen Vorsätzen ein, um die Tierwelt dieser Erde einmal zusammengefasst anzuschauen – „Die ganze (Tier-)welt auf einen Blick“. Dass der Zoo dabei schon längst zu einem umsatzstarken Unternehmen geworden ist, wird dabei ganz gerne mal vergessen. Vielleicht sollte man in der Leipziger Messestadt eine dieser Gruppen bilden, die die Tiere aus dem Zoo befreien wollen, so wie im Film „12monkeys“. Dann würde das Wappentier Leipzigs endlich auch in natura über den Augustusplatz trotten, Schimpansen würden sich an der Fassade des Leipziger Rathauses entlanghangeln und im Cospudener See gäbe es auf einmal Krokodile. Ob das dem Drang meines Terrassenkaters, in meine Wohnung einzudringen, ein Ende bereiten würde? Das bleibt wohl fraglich. Vielleicht müsste ich mich einmal näher mit ihm auseinandersetzen und ihm meine Sicht der Dinge erklären. „Siehst Du, Tiere in absperrbaren Räumen“, so würde ich zu ihm sagen, „das kann ich leider nicht akzeptieren. Da können schlimme Dinge passieren…“
10 Kommentare
Susanne12th September 2007
Erst mal Glückwunsch zur neuen Wohnung und Herzlich Willkommen in Leipzig! Nun aber zu Deiner Tierliebe: Armer schwarzer Kater… Du willst also die Tiere aus dem Zoo befreien und Deinen (er gehört ja nun anscheinend doch zu dir, ob nun freiwillig oder nicht) Kater aber nicht in die gute warme Stube lassen. Wie grausam? Stell Dir mal vor, die freigelassenen wilden Zoolieblinge begegnen dem Kater. Er wird zerfleischt, während Du Dich ausgiebig mit Deinem Abendbrot vergnügst! Und noch einmal: WIE GRAUSAM! Ich kann ja verstehen, dass Du keine Reviermarkierungen von dem Kater in Deinen eigenen vier Wänden haben willst (sicherlich möchtest Du dort nur Deinen eigenen sehen ;-)). Wie wäre es mit einem Kompromiss: Lass den Kater in die Bude und kauf im ein Katzenklo ;-)
Anne Linke
12th September 2007
Also wirklich, ich versteh dein Klagen nicht. Du bist doch selbst Schuld: schon mal was von der Redewendung DIE KATZE IM SACK KAUFEN gehört?
Bei dir musste sich die süße kleine Mietz nicht einmal in einem dunklen – blickdichten – Sack verstecken. Ihr Körbchen stand ganz offensichtlich auf dem Balkon (oder war es etwa bei der Wohnungsbesichtigung unsichtbar?) Jetzt liegt ihr Schicksal in deiner Verantwortung – hier eine Definition von Wikipedia zum Mitschreiben für alle aus der Großstadt-nach-Leipzig-ziehenden-Katzen-
draußen-frieren-lassen-und-sich-trotzdem-Beschwerer:
„Verantwortung bedeutet, die Folgen für eigene oder fremde Handlungen zu tragen. Sie drückt sich darin aus, bereit und fähig zu sein, später Antwort auf mögliche Fragen zu deren Folgen zu geben. Eine Verantwortung zieht immer eine Verantwortlichkeit nach sich, das heißt dafür Sorge zu tragen, dass die Entwicklung des Verantwortungsbereichs im gewünschten Rahmen verläuft“.
Zumal der kleine Kater eigentlich sozusagen Gewohnheitsrecht hat – also noch vor dir steht. Also ich fordere: der Kater in die beheizte Wohnung, mit der aufmerksamen Freundin, die ihn ins Herz geschlossen hat, mit gefülltem Kühlschrank und Katzenklo und Sebastian auf die Terrasse.
Tobias Lange
13th September 2007
Deine hier ungeliebte Einstellung, Terrassenkatze Terrassenkatze sein zu lassen, muss man akzeptieren – wer kein Tier im Haus will, soll dort auch keines hereinlassen. Bedürftig oder nicht. Ist ja schließlich ein Kater – keine Hundeblickgefahr also.
Zumal es genug Tiere mit Heimbedarf gibt – aus den Augen aus dem Sinn soll denen etwa nicht geholfen werfen? Nein, dann lieber konsequent bleiben und auf den Kater verzichten. Hier kommt aber eine Doppelmoral ins Spiel: Die Tiere aus dem Zoo befreien? Warum denn plötzlich so inkonsequent populistisch-tierlieb? Und die sollen dann zusammen mit dem Kater auf deiner Terrasse erfrieren? Ich höre schon die Klage, wenn Du den Stapel von der Kälte anheimgefallenen Elefanten, Giraffen und Nashörnern wegräumen musst!
Carolin Löffler
18th September 2007
Ich bin überrascht, ganz platt sozussagen über soviel Aktionismus (zumindest thearetischen ;-)). Aber ich will meinen du bist extrem. Warum denn in die Ferne schweifen ….das Unglück sitzt doch direkt vor deiner (Terassen)Tür, du Kaltherziger. Hilf dem Kater und dann kümmer dich um die Tiere im Zoo. Aber bitte beachten: Nur rummotzen hat noch nichts verändert. Auch wenn du dich moralisch fit fühlst, weil DU nicht in den Zoo gehst.
Mathias
19th Oktober 2007
Ein echtes Problem möchte ich anfügen! Denn dieser Kater kann dafür sorgen, hat ihn deine Liebste erstmal richtig in die Arme geschlossen, dass du so gut wie nicht mehr an sie rankommst! Denn das Revierverhalten hat der Kater nämlich noch durchaus besser drauf als wir “mittlerweile Zivilisierten”! Schlechte Karten also, wenn du/ ihr ihm zuviel Aufmerksamkeit schenkt! Das könnte in einem Kampf ausarten!
Zum Thema Tieren im Zoo:
Wo solln die armen Tierchen denn hin? In die Freiheit,…ja ja! Aber da werden sie, einmal die Gefangenschaft erlebt, nicht mehr zurecht finden. Sie wurden schlichtweg gebrochen! Das ist für mich ebenfalls ein Grund nicht mehr bzw. sehr selten Zoos zu besuchen! Sehen wir es so: “Dem Menschen ist zu seiner Belustigung, in heutiger Zeit, nichts mehr zu umstritten!”
Schade…und in gewissem Maße wirklich grausam!
Romy Weisbach
19th Oktober 2007
Jetzt möchte ich mich aber doch gern in die Diskussion einklinken. Sowohl, was den Kater betrifft, als auch die Tiere im Zoo.
So eine Katze zu Hause ist nämlich erwiesenermaßen gut für die Psyche. Katzenbesitzer leben länger und können Stress besser abbauen. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Klar, so eine Katze hat ihren eigenen Kopf und du bist eigentlich nur ihr Eigentum und dazu da ihr Fressen und Heim zu geben. Aber Katzen können auch geben. Probiers doch mal. Und nach meiner Erfahrung sind zugelaufene Katzen sehr dankbar! Und im Übrigen, Katzen haben sich selbst domestiziert. Das heisst, sie haben sich uns als Partner ausgesucht und nicht andersrum, wie z.B. Hunde. Man muss sie also nicht bedauern.
Auch auf Zoos möchte ich die Sichtweise etwas relativieren. De Fakto sind viele Tierarten nur noch in Zoos zu finden und werden versucht wieder in die Natur zu integrieren, wo der Mensch sie vorher ausgerottet hat. Das Problem ist nicht der Zoo sondern der Mensch und sein Verhalten der Umwelt gegenüber. Das ist viel grausamer als jeder Zoo!
Alex Skillz
27th September 2008
Willkommen bei den Eingeborenen!
Da wir hier auf dem Lande klischeebekannterweise weder über Weitsicht noch Taktgefühl verfügen, mach ich´s kurz und schmerzlos:
1. “Freie Wildbahn” bedeutet für deine “trolligen” (sind die aus Norwegen?!) Pinguine und ihre bemitleidenswerten Kollegen, daß Wilderer die Freiheit besitzen, sie abzuknallen; und Konzerne, Bahnen aus Stahl und Beton durch ihr Biotop ziehen.
2. Dein “Katerproblem” löst sich in einem einfachen Drei-Stufen-Plan. Zaun kaufen, Jalousie kaufen (hiesig unter “Rollo” in einschlägigen Fachgeschäften zu erfragen!), Freundin mit Katzenallergie suchen. Viel Spaß!
P.S.: In diesem Onlinebereich sind zu über 60 Prozent der User weiblich und dazu rhetorisch mit blanken Messern unterwegs. Ein “Eigentlich-mag-ich-Katzen-dochnichso”-Text hat hier genau die richtige Zielgruppe für motivierte Meinungsmacher! Nur weiter so. Séja.
Carolin Löffler
13th Januar 2009
@alex skillz:
In diesem Onlinebereich sind zu über 60 Prozent der User weiblich und dazu rhetorisch mit blanken Messern unterwegs -
diese Äußerung gefällt mir ;-)
schlichtweg schick…
doch wer wird denn solche Äußerungen ernst nehmen. Hier sind wir nur zum Messer wetzen – genutzt werden sie “draußen” in der freien Wildbahn ;-)
Alex Skillz
1st April 2009
Jetzt fühl ich mich da ‘draußen’ gleich viel sicherer… Waidfraushail!
ernst rothe
24th März 2010
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