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    Anne Linke | September 2007 | Auf der Couch , Die Meinungsmacher
    Kommentare (5) | RSS zum Artikel | Trackback zum Artikel

    Erst arbeitet man zwölf oder dreizehn Jahre auf etwas hin, das dann nur für einen kurzen – zumal sowieso nur bei einigen Fächern relevanten – Augenblick von Bedeutung ist. Dann, gerade diesen einen hoch gepriesenen Augenblick überlebt, wartet eine Entscheidung auf die gerade Volljährigen. Und wenn sie sich in diesem einen Punkt irren, dann können sie sich schon mal für den Rest ihres Lebens mit Diskriminierung und Zukunftsängsten anfreunden. Wovon die Rede ist? Von der Studienwahl natürlich oder anders: dem ewigen Kampf von Naturwissenschaftlern gegen Geistes- und Sozialwissenschaftler.

    geisteswissenschaften.jpg

    Wie bezeichnend!

    Als sei es nicht genug, dass ich in einer rein naturwissenschaftlichen Familie groß geworden bin und mit einem Chemiker zusammen wohne, katalysierte der Präsident der IHK zu Leipzig auf einer Pressekonferenz zur Konjunkturlage in Leipzig, neulich meine latent chronischen Selbstzweifel auf eine gänzlich neue Aggregatebene. Ungefährer Wortlaut: „Ich verstehe nicht, warum so Viele immer wieder Geistes- oder Sozialwissenschaften lernen. Es sollte bei der Berufswahl doch nicht nur um persönliche Interessen gehen, sondern auch darum, was in der Welt gebraucht wird. Und da sieht es nun mal so aus, dass letztendlich die Geisteswissenschaftler sowieso wieder von Naturwissenschaftlern bezahlt werden!“

    Hilfe! Ich merke, wie die Röte mir ins Gesicht steigt und schaue mich um, ob es den Anderen auch so geht. Immerhin befanden wir uns auf einer Pressekonferenz. Da liegt es doch nahe, dass die anderen Medienvertreter auch nicht mit einem Abschluss in einer Naturwissensschaft aufwarten können. Aber außer mir sieht niemand empört aus. Alle lachen leicht und nicken und ich falle zurück in mir wohl bekannte Gedankenspiele.

    Hab ich mich damals richtig entschieden? Vielleicht haben die Anderen ja Recht? Geht nach dem Studium der Kampf um einen Arbeitsplatz los? (Dr. med soz. Arbeitslos – über den Witz kann ich schon lange nicht mehr lachen) Sind es wirklich nur wir Geisteswissenschaftler, die die hohe Akademikerarbeitslosigkeit verursachen?

    Sicher, wir brauchen Ärzte, die unsere Leben retten; wir profitieren alle von neuen Kunstfasern, die kugelsichere Westen undurchdringbar machen und von chemischen Verbindungen, die vielleicht bald Krebs bekämpfen. Aber in der chemischen Forschung spielt Ethik eine große Rolle, medizinische Neuerungen müssen auch in die abgelegene Winkel der Welt kommuniziert werden und Soziologen konzipieren den Aufbau von öffentlichen Versammlungsstätten, um Opferzahlen von Massenpaniken zu senken. Ihr braucht uns auch. Wann versteht ihr das endlich? Eins ist klar: das Jahr der Geisteswissenschaften hat uns auch nicht viel mehr Verständnis gebracht. Bei Fördermitteln gehen die entsprechenden Abteilungen der Universitäten häufig leer aus und stehen ganz oben auf den Listen, wenn es um Kürzungen geht. Stipendien gibt es für Naturwissensschaftler wie Sand am Meer und für uns? Kaum. Als sei das nicht Diskriminierung genug, starren einen dann überall die prestigeträchtigen Bauten der medizinischen Fakultäten an und vermitteln auf protzige Weise „Ihr seid doch nur Menschen zweiter Klasse.“ Jetzt hab ich wirklich Angst. Denn eine Betrachtung aus evolutionstheoretischer Sicht (ja, ich hatte Leistungskurs Bio!) lässt mich vermuten, dass wir Geistes- und Sozialwissenschaftler bald aussterben werden – Survival of the Fittest!

    5 Kommentare

    Sebastian Rothe

    Geistes- und Sozialwissenschaftler sterben nicht aus. Niemand ist bislang vom Luxus todkrank geworden – dem Luxus des Wissens wohlgemerkt! Denn das vergessen wir weinerlichen Geistis und Sozis neben unserer ganz natürlichen Abwehr realistischer Arbeitsmarktprognosen gern: dass wir nicht Opfer einer von Naturwissenschaftlern dominierten Welt sind, keine Sklaven ihrer zermürbenden Abschätzigkeit uns gegenüber, sondern zu aller erst elitäre Genussmenschen, Hedonisten der Erkenntnis, die ab einem bestimmten Zeitpunkt beim Abendmahl ihres Bücherfressens nicht mehr der entscheidenden Frage erwehren können – die Frage nach dem wozu! Ebenso eine Luxusfrage, mit der sich zu beschäftigen oder gar die zu beantworten, den meisten unserer Mitmenschen schlicht und einfach Kraft und Zeit fehlt! Also heraus aus dem selbstmitleidigen Tümpel des Minderwertigkeitskomplexes und mit breiter Brust zur Welt gerichtet! Denn wir können, weil wir wissen!!





    Sandra Simon

    “Nur die Harten kommen in den Garten” heißt es. Und auf Geisteswissenschaftler trifft dieses Sprichtwort in besonderem Maß zu. Denn nur wer sich nicht den Selbstzweifeln der breiten Masse hingibt, nicht dem eigenwilligen Trott der Kommillitonen verfällt, Semesterferien nicht als sehnlich erwartete Freizeit sieht, wird Erfolg haben. Es geht darum sich abzuheben – sei es durch Meinung, durch provokante Äußerungen, durch Wissen. Konsumiert und kommuniziert – so könnte der Schlachtruf lauten. Denn nur wer Wissen konsumiert und sich nicht scheut, zu kommunizieren, kann Erfolg haben. Das Leben ist nicht einfach, hat auch im Grunde nie jemand behauptet. Nur manche Geisteswissenschaftler scheinen diesen Satz für sich gepachtet zu haben und sehen vor lauter Einfachheit die zwingende Notwendigkeit nicht mehr. Der Arbeitsmarkt ist hart umkämpft und nur der, der auf irgendeine Weise in der Lage ist, seine Erfahrungen zu reflektieren und sich selbstkritisch zu bespiegeln, der wird Erfolg haben.





    Anne Linke

    “Nur die Harten kommen in den Garten” und “Denn wir können, weil wir wissen!!” ???
    Mit solchen Sprüchen würde ich auch gerne um mich schmeißen. Nur leider macht sich das natürlich leichter mit einem Job in der Tasche. Da wird die Beschäftigung mit diesem Thema dann auch schnell von einer Luxus- zu einer Überlebensfrage. Sicherlich, eigene Selbstüberhöhung á la “elitäre Genussmenschen” oder “Hedonisten” hilft schon, wenn die Selbstzweifel nagen – aber ist das nicht einfach nur die nächste, ebenso hilflose Stufe des Selbstmitleids? Richtig, dem darf man sich nicht beugen. Lieber verzweifelt versuchen die breite Masse auszustechen – als sei die Uni nicht schon von selbstsüchtigen Egomanen überfüllt – und in den Semesterferien ein Praktikum – oder zwei – oder drei….





    Alex Unruh

    Man braucht also zig Praktika um als Geisteswissenschaftler überhaupt einen Job in Aussicht zu haben – und dann ist die Rede davon, dass die Geisteswissenschaften aussterben? Aha.
    Es ist eine wehleidige Frage nach der eigenen Relevanz, die ihre Begründung durchaus darwinistische erscheinen lässt – aus dem stetigen Wettlauf junger Studenten/ Absolventen um Praktika, Jobs – am Ende um Bedeutung.
    Dass das die Wichtigkeit der Geisteswissenschaften an sich nicht schmälern kann, darf gern beweislos einleuchten – allein der unglaublich hohen Level des Wettkampfes auf dem Arbeitsmarkt – der ‘survival of the fittest’ – kann wie auch immer geartete Selbstzweifel nähren.
    Machen wir uns nichts vor: Die Geistes- bremst die Naturwissenschaft – auf dem Weg in den Abgrund. Forschung ohne Ethik kann weder nachhaltig noch wünschenswert sein. Die großen Verdienste der Philosophie heißen Demokratie, Aufklärung, Menschenrechte. Die der Chemie Schießpulver, der Physik Atombombe etc. Und die genialste Idee, die beste Innovation steht und fällt mit ihrer
    Kommunikation.
    Nein, die These über ein Aussterben von PR Beratern, Kommunikationsstrategen oder Marketingfachkräften schein vor dem Hintergrund voller Philosophie-, Germanistik- oder Soziologie-Hörsäle haltlos. Ein einfaches ‘Nase-hoch-und durch’, egal ob aus Arroganz oder aus Selbstmitleid 2.0 hilft da nicht – eher ist es der Geringschätzung zuträglich. Und damit Nährboden weiterer Selbstzweifel…





    Kay Schönewerk

    Hallo Herr Unruh, vielen Dank für Ihren sehr interessanten Kommentar – und es war schön, mal wieder von Ihnen zu hören. Beste Grüße in den sächsischen Süden! KS











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