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    Annegret J. Freitag | März 2007 | Die Meinungsmacher
    Kommentare (7) | RSS zum Artikel | Trackback zum Artikel

    Wenn bei manch anderen schon das Licht ausgeht, wird im Kesselhaus nochmal richtig aufgekohlt – und bis spät in den Abend hinein rauchen die Köpfe. Diesmal die Häupter von mitteldeutschen und lokalen Medienmachern, die sich zu fortgeschrittener Stunde im ehrwürdigen Reclam-Carreé eingefunden hatten, um über die Zukunft zu reden. Oder zumindest über das, was viele PR-Macher als solche sehen: die PM2.0.

    Die Gäste: Volkmar Heinz, Ressortleiter Foto Leipziger Volkszeitung; Markus Neumann, Newsmanager Sachsen News Net GmbH; Nicola Marquardt, Pressesprecherin dvb-t Mitteldeutschland; Christian Görzel, Geschäftsführer news.doc Medienproduktion; René Meyer, Freier Journalist (u.a. FAZ, Stern). Als Diskussionpartner aus dem Hause 4iMEDIA: Kay Schönewerk, Inhaber und Geschäftsführer 4iMEDIA; Annegret Freitag, Unit-Leiterin Corporate Publishing; Andreas Stötzner, Unit-Leiter Public Relations; Luise Jahn, Unit-Leiterin Online Relations; in der späteren Diskussion Anne Meier, Leiterin Marketing/PR. …

    Folgende Aspekte wollten wir diskutieren: Sind die Medien in der Region schon reif für diese neue Form von Pressemitteilungen? Welche technischen Features können die Redaktionen überhaupt nutzen? Sind die Redakteure willig und fähig , mit komplexen interaktiven Elementen zu arbeiten? Fühlen sich Journalisten von so viel Vorarbeit durch PR-Agenturen entmündigt?

    Doch ob der vielgepriesenen interaktiven, web-basierten Pressemitteilung tatsächlich als Erfüllung aller heimlichen Journalisten-Träume die Zukunft gehört – oder ob sie schon bald den Weg ins Bits-und-Bytes-Nirvana antreten sollte, darüber kam im Kesselhaus schnell eine angeregte Diskussion auf.

    So sieht Volkmar Heinz die Idee aufgrund der selektiven Nutzbarkeit der Inhalte zwar als durchaus zukunftsträchtig an, hält aber “eine flächendeckende Akzeptanz erst in den kommenden Jahren für wahrscheinlich.” Der Grund: die fehlende Technik- und Internetaffinität zahlreicher Redakteure. “In manchen Redaktionen – und zwar nicht nur in abgelegenen Lokalstellen – sind zirka 80 Prozent der Mitarbeiter unfähig, auch nur einen eMail-Anhang zu öffnen. Dafür wird dann der IT-Spezialist gerufen. Für diese Mehrheit ist die PM2.0 einfach noch eine Stufe zu weit.”

    Immerhin, so der Ressortleiter der wichtigsten Tageszeitung des Regierungsbezirks, seien einzelne Elemente einer PM2.0 durchaus interessant für die tägliche Arbeit einer großen Bild-Redaktion. “Wenn mir Fotos angeboten werden, wie es in diesem Format möglich ist, werde ich schon hellhörig. Voraussetzung ist aber – und das wird bisher leider noch allzu oft falsch gemacht – dass a) leichtes “Rankommen” und b) umfassende Informationen zum Bild gegeben sind. Ein Kontaktabzug via Web-PM oder HTML-Mail ist der erste Schritt, der vielbeschäftigte Fotografen anlockt. Wer allerdings die Bildinformationen vergisst oder gar komplette Bilddateien an die PM hängt, stellt damit nur eins sicher: Dass sie sofort im Papierkorb landet.”

    FAZ- und Buchautor René Meyer hält die mitteldeutschen Journalisten hingegen für etwas www-fähiger, als sein LVZ-Kollege. Er sieht die “Zwo-Null” als echten Wettbewerbsvorteil für innovative Unternehmen: „Der Mehraufwand für den Anbieter könnte sich rechnen. Denn wer nachvollziehen kann, wie oft welches Element einer PM von Journalisten angeklickt wird, sammelt wichtige Hinweise für sein Themenmonitoring und seine Medienbeobachtung.”

    Allerdings, so der Online-Spezialist, müsse sichergestellt sein, dass die Inhalte der Pressemitteilung trotz aller Bewegung im World Wide Web bestehen blieben: “Wenn ich mir ein Thema ablege und nach einigen Wochen wieder aufgreife, weil es jetzt für mich spruchreif geworden ist, will ich keine 404-Meldungen, wenn ich auf Links, Files oder ähnliches klicke.”

    Wenig Zeit und hohe Ansprüche haben laut Markus Neumann, verantwortlicher Newsmanager des Radiosenders PSR, auch die Rundfunkmacher in der Region: “Es ist ja nett, dass mir via PM2.0 Audiofiles angeboten werden. Aber wenn die dann 7 Minuten lang sind – sorry, das hör’ ich mir nicht an. Bevor ich mir die Mühe mache, in Podcasts reinzulauschen, möchte ich ganz genau wissen, was gefragt und geantwortet wird – am liebsten als Text-Datei.”

    Eine weitere Hürde für zugelieferten PR-Content sieht Neumann in der Qualität. Und zwar weniger in der Qualität der Inhalte, als vielmehr in der Hochwertigkeit der Aufnahme: “Auch gut gemachte Podcasts, die in einer multimedialen Pressemitteilung angeboten werden, würden unsere Redakteure kaum nutzen. Die technischen Anforderungen an eine sendefähige Aufnahme wären viel zu hoch. Es müssten schon Spezialdienstleister hinter der Produktion stehen, die auf hohem Niveau arbeiten. Aber selbst dann fehlt den Beiträgen jene Exklusivität, die wir als Sender für den Erhalt und Ausbau unserer Marktposition benötigen.”

    Als Themenanregung hingegen sieht er in PM2.0 eingebundene Audiofiles allemal gern; auch die Überprüfung der “Sprachqualität” der Interview-Quelle wäre für den Radio-Macher ein Vorteil. So könnten die Redakteure vor “untauglichen” Interviewpartnern “gewarnt” werden. Oder aber durch eine Nebeninformation innerhalb des aufgezeichneten Gespräches auf neue Themen aufmerksam gemacht werden.

    Ebenfalls skeptisch steht Nicola Marquardt, Verbandssprecherin Digital Radio Mitteldeutschland, der neuen Informations-Form für Journalisten gegenüber. Diese Skepsis, so die lokalerfahrene Journalistin, rühre allerdings weniger von den Rahmenbedingungen der PM her – als vielmehr von den Kenntnissen über die Nutzungsgewohnheiten der Redakteure.

    “Die Journalisten nutzen auch heute noch vor allem Textbausteine – wissen oft mit angebotenen Multimedia-Files kaum etwas anzufangen. Und ebenso entwicklungsbedürftig sind die Unternehmen, die ebenfalls mittels interaktiven Elementen und Material-Angeboten noch viel mehr aus ihren eigenen Inhalten machen könnten.”

    Die journalistischen Gewohnheiten sieht auch Christian Görzel, Geschäftsführer der news.doc-Medienproduktion und Filmemacher für MDR, ZDF, SAT.1 und PRO 7, als Hemmschuh für den Siegeszug der vermeidlich besseren PM. Görzel traut dem neuen Instrument zumindest für die kommenden Monaten keine ausreichende Durchsetzungskraft zu: Die Journalisten, so der erfahrene TV-Mann, würden an alten Mustern fest halten. “Meiner Einschätzung nach gibt es heute vielleicht fünf bis zehn Prozent Befürworter in den Fernseh-Redaktionen für solche oder ähnliche Innovationen.“

    Recht umstritten waren auch die mit der PM2.0 einher gehenden Service-Angebote an die Redakteure: Von Direktlinks zu Bookmark-Anbietern über Tags zum leichten Auffinden verwandter Beiträge und Trackbacks zur Rückverfolgung der Wanderung der Artikel durchs WWW bis zum RSS-Abo für kommende Presseinformationen reichen dank Web2.0 die möglichen Erleichterungen der journalistischen Arbeit.

    Doch die Diskussionsteilnehmer zeigten sich skeptisch darüber, dass derartige Instrumente überhaupt schon breitenwirksam einsetzbar wären: Der Umgang mit den modernen Werkzeugen des Internet sei gerade bei den Redakteuren einfach noch zu wenig gefestigt.

    „Früher oder später werden Agenturen das neue Format anbieten müssen. Ob ich allerdings mit dem RSS-Feed freiwillig auf die ‘Info-Tube’ drücke, bezweifle ich“, meinte beispielsweise TV-Produzent Görzel. FAZ-Autor Meyer hingegen sieht klare Vorteile im PM-Abo: „Wenn eine Firma die PR-Agentur wechselt, erhalte ich oft keine Informationen mehr, weil beispielsweise mit neuen Verteilern gearbeitet wird. Mit RSS kann ich entscheiden, von wem ich Beiträge haben möchte – und diese auch im Fall eines Wechsels auf ‘Macher-Seite’ weiterhin gezielt und automatisch archivieren.“

    Fazit der Veranstaltung: die ‘gesprengte Pressemitteilung’ hat gefallen, gerade unter dem Aspekt, „dass man sie selektiv lesen kann“. Sie wird die journalistische Recherche nicht ersetzen, aber erleichtern. Die Chance, mit der neuen Form die Pressemitteilung als feste ‘Eingabemaske’ zu standardisieren, wurde dagegen kontrovers diskutiert: „Dann darf wohl jeder Praktikant PMs schicken – wo bleibt da die journalistische Qualität?“.

    Übrigens: Als Kriterium für die “Internetfähigkeit” und damit PM2.0-Kompetenz von Journalisten wurde von den Teilnehmern einstimmig das Alter der Redakteure benannt. Es sei ein Generationenproblem, so die einhellige Meinung, das sich in wenigen Jahren von selbst erledigen würde. Dann hätten auch die neuen Features der multimedialen Presseinformation eine Chance, beachtet und vor allem genutzt zu werden.

    7 Kommentare

    Daniel Große

    Danke für die ausführliche Aus- und Aufarbeitung. Bestätigt mir, was ich bereits vermutete.

    Allerdings vermute ich, dass sich das Generationsproblem so schnell nicht aufhebt. Und auch nicht, dass durch jüngere Generationen automatisch zwo-null-kompatible Redakteure nachwachsen. Gibt auch in “unserem” Alter genügend DAUs in der Hinsicht.





    Daniel Große

    Ich würde nur mal das “aufgekohlt” am Anfang ändern. Das passt zwar zum Bild der rauchenden Köpfe, war aber sicher nicht so gemeint. ;-)





    Kay A. Schönewerk

    Da scheinbar der Trackback nicht funktioniert hat, hole ich diesen hier mal manuell nach… :)

    Frank Hamm vom INJELEA-Blog schreibt:

    “Aufgrund der aktuellen Diskussionen rund um Reg FD (bei mir, Roberts fallende Kinnlade) und Social Media News Release (SMNR) / News Room (Textdepot, Kesselhaus) dachte ich über den Begriff “Pressemitteilung” nach und fragte mich, ob der Begriff Social Media News Release überhaupt verwendet wird.

    “Pressemitteilung” bzw. “Press Release” sind für mich veraltete Begriffe, denn sie kommen aus einer Zeit, in welcher die “Presse”, d.h. Journalisten und Verlage aus der druckenden Gilde, von Organisationen (i.d.R. Unternehmen) über Nachrichten informiert wurden. Und Presse kommt aus der Zeit der Druckerpressen. Heutzutage gehen Informationen auch an die Presse, aber eben schon lange nicht mehr nur. News Release ist für mich der bessere Begriff.

    Aber wie übersetzt man News Release ins Deutsche? Leo sagt “Pressenotiz”, falsch! “Nachrichtenveröffentlichung”? Gequält! “Unternehmensnachricht” vielleicht, das würde etwas über den Absender und nicht über die Adressaten aussagen?





    PR-Kloster » Journalisten diskutieren Pressemitteilung 2.0

    [...] um die Pressemitteilung 2.0 oder Social Media Release (SMR). Doch nicht ganz. Die Kollegen aus dem (alten) Kesselhaus in Leipzig haben das Thema kürzlich mit Journalisten diskutiert. Die Ergebnisse der Runde sind [...]





    Frank Hamm

    @ Kay A. Schönewerk: Danke für den manuellen Trackback. Wollte ihn selbst manuell setzen, habe es dann vergessen. Muss am Alter und der Überforderung durch Web-zwo-null liegen :-)





    Das Kesselhaus » Blog Archive » Linkliste zur PM-2.0-Diskussion

    [...] Frank Hamm: @ Kay A. Schönewerk: Danke für den manuellen Trackback. Wollte ihn selbst manuell setzen, habe es dann… [...]





    Das Kesselhaus » Blog Archive » 06/07 Abgewetzter Trend?

    [...] Als Journalistenbüro mit integriertem Geschäftsbereich Public Relations haben wir in einem Mitarbeiter-Workshop für und wider dieses neuen Trends diskutiert. Quintessenz unseres Meetings: Wem der Schuh passt, der zieht ihn sich an. Da die Adressaten unserer PMs aber Redakteure sind, haben wir mitteldeutsche Medienmacher gefragt, wo sie der neue Schuh PM 2.0 drückt! Die Antworten finden Sie hier. [...]











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